«Cargo Sous Terrain könnte eine interessante Investition sein»


Interview mit Daniel Kalt, Chefökonom bei der UBS

Freitag, 8. September 2017, 16:17 Uhr, Radio SRF 4 Wirtschaftswoche

Interviewer: Klaus Bonanomi

(ab Minute 9:27)

K. Bonanomi: Bleiben wir in der Schweiz, kommen wir aber zu einem ganz anderen Thema: Cargo sous terrain. Dieses Projekt für eine Verkehrsmetro, eine unterirdische Güterverkehrsinfrastruktur. CST hat am Donnerstag bekannt gegeben, dass sie grosse Investoren an Bord geholt haben – Coop, Migros, die Mobiliar und die Helvetia Versicherung investieren über 20 Mio. Franken, um dieses Projekt bis zur Baubewilligung, bis zur Baureife voranzutreiben. Wie sehen Sie das aus volkswirtschaftlicher Schweizer Sicht: Ist das ein gutes Projekt?

D. Kalt: Ja, das ist sicher ein interessantes Projekt, auch etwas visionär. Wir sehen ja schon heute, dass die Strasseninfrastruktur zumindest in den Spitzenzeiten wirklich immer massiv überlastet ist, dass wir Staus haben, dass wir Lieferverzögerungen haben. Heute ist immer wichtiger, dass Güter auf Zeitpunkt genau ankommen. Wir haben Just-in-time-Produktionen in vielen Bereichen, und wenn da die Logistik zusammenfällt – das haben wir jetzt auch wieder mit Deutschland und der Bahninfrastruktur gesehen – dann kann das für Firmen ein Problem sein. Dann verpassen sie Lieferfristen. Das kann auch teuer werden, und insofern ist hier ein Projekt geboren worden, das versucht, den Güterverkehr unter den Boden zu bringen und so die Strassen zu entlasten. Das ist eine interessante Idee. Man ist jetzt dran, hier zumindest mal die Planung durch zu finanzieren. Es ist ein sehr langfristiges Projekt, aber durchaus interessant, auch ökologisch und von der logistischen Seite her.

Sie haben gesagt visionär. Ist es andererseits auch wirklich realistisch und umsetzbar?

Ja, ich denke gerade in der dicht besiedelten Schweiz ist es interessant, wenn man sich überlegt, dass man eben einen wesentlichen Teil des Güterverkehrs unter den Boden ablaufen lassen kann, und das sogar noch kombiniert mit einer Logistiklösung, wo Güter und Paletten und Behälter noch sortiert und zwischengelagert werden, so dass sie dann in der richtigen Reihenfolge an diesen Terminals wieder zum Boden rauskommen und dann nur noch in die Feinverteilung müssen. Das ist so etwa die Idee dahinter. Ich denke, das hat einen interessanten Aspekt. Und wenn man sich die Prognosen anschaut über die nächsten 20-30 Jahre, dass der Verkehr sowohl im Personenbereich wie auch im Güterbereich noch mal um 30 bis 40 Prozent zunehmen wird, dann wird schnell klar, das könnte ein Lösungsansatz sein.

Sie haben auch das Beispiel Raststatt erwähnt. Dieser Unterbruch auf der wichtigen Nord-Süd-Eisenbahnverbindung in Deutschland. Wenn Sie mit Unternehmen sprechen in der Schweiz, wie gravierend ist denn das? Das bleibt ja noch einen Monat unterbrochen. Wie schwer trifft das wirklich die Schweizer Wirtschaft, also auch die Unternehmen?

Ja das ist sehr unternehmensspezifisch – schwierig zu quantifizieren natürlich – wie viel so ein Unterbruch, oder eine Verzögerung, ein Umweg und Zeitverzögerungen eben hier wirklich kosten. Es wird sicher Firmen geben, die deutlich davon betroffen sind, die Lieferungen nicht mehr zeitgerecht an ihre Kunden bringen können, und dann gibt es unter Umständen auch Konditionalstrafen usw. Das sind Risiken, die man heute hat vor allem als Produzent in einer Welt, in der immer zeitlich enger und auf den Punkt genau geliefert und produziert werden soll. Da wird man schon sehr kritisch abhängig von der Zuverlässigkeit dieser Logistikketten und damit auch der Transportinfrastruktur.

Zurück zu CST. Die Migros und Coop engagieren sich da. Sie transportieren ja Tag für Tag Millionen Güter durch die Schweiz. Aber auch die Mobiliar und die Helvetia, zwei Versicherungen, sind dabei. Welches Interesse haben die, sich zu engagieren?

Da denke da können wir wieder den Bogen schlagen zur Nationalbank und zum Zinsumfeld. Versicherungen, auch Pensionskassen, sind natürlich auf der Suche nach Renditen, weil auf den üblichen Anlageklassen, bei den Staatsanleihen, ist heute überhaupt nichts mehr zu holen an Zins – da sind die Zinsen bei Null. Und Versicherungen, Pensionskassen sind darauf angewiesen, dass sie Renditen generieren, um die Rentenversprechen finanzieren zu können. Da bieten Infrastrukturprojekte durchaus attraktive Renditen. Das sind auch sehr langfristige Investitionen, die mehrere Jahre, ja fast Jahrzehnte laufen werden, und gerade Versicherungen und Pensionskassen haben sehr lange Verpflichtungen. Das passt dann sehr gut, wenn solche Infrastrukturprojekte vernünftige Renditen und sicher höhere Renditen bieten, als eben Staatsanleihen hier versprechen.

Langfristiger Anlagehorizont ist das Eine. Das kommt sicher auch einer Pensionskasse entgegen. Andererseits mit meinem Pensionskassengeld bin ich auch froh, wenn da nicht zu grosse Risiken eingegangen werden. Wie sehen Sie denn die Risiken von solchen Projekten?

Das ist natürlich die Kehrseite der Medaille. Wer heute noch Rendite generieren will, muss Risiken eingehen können, und hier ist es natürlich auch ganz wichtig, dass man Risiken sehr breit streut über verschiedene Projekte, über verschiedene Anlageklassen. Aber ohne etwas mehr Risiken ist heute einfach keine Rendite mehr zu machen. Die bombensicheren Staatsanleihen werfen, wie gesagt, heute nichts mehr ab. Da sind die Zinsen de facto bei Null oder zu einem Teil sogar unter Null.

Daniel Kalt, wir sind am Schluss dieser Runde. Wie sehen Sie die weiteren Aussichten für die Schweiz?

Wir haben im letzten Jahr eine kleine Störung gehabt in Form eines etwas schwächeren Wachstums, das wir jetzt auch in den Zahlen erkannt haben. Aber ich denke, nach vorne blickend sind die Aussichten gut. Es gibt klare Anzeichen für eine Aufhellung. In Europa läuft die Wirtschaft sehr solide und gut. Der Franken hat sich etwas abgeschwächt gegenüber dem Euro, und auch das hilft der Schweizer Exportwirtschaft, so dass wir Ende dieses Jahr/Anfang nächstes Jahr mit einer Wachstumsbeschleunigung rechnen. Nächstes Jahr sogar wieder deutlich über 1.5 % Wachstum.